Bemerkungen über den Zeitgeist
Auf dieser Seite biete ich Raum für den Diskurs über meine Veröffentlichungen und Gedanken. Ihre Meinungen und Anregungen sind willkommen, um einen lebendigen Austausch zu fördern.
Der Begriff „Zeitgeist“ stammt aus dem Deutschen und wurde von Johann Gottfried Herder geprägt, um die Eigenart einer Epoche zu beschreiben. Herder meinte den „Geist der Zeit“; vielleicht benötigte er den Terminus, um neben dem „Heiligen Geist“ und dem „Menschlichen Geist“ über etwas sprechen zu können, dass weder die Dreieinigkeit noch dem einzelnen Menschen zukommt, sondern Werte, Normen und Lebensgefühle der Gesellschaft widerspiegelt! Etwas früher als Herder hat ein gewisser Zinzendorf in diesem Zusammenhang vom „Genius der Zeit“ gesprochen. Das weist darauf hin, dass zu seiner Zeit der Zeitgeist vornehmlich von Kunst, Wissenschaft und Philosophie gefüllt und bewegt wurde, während er heute vor allem Lebensweisen hervorzubringen trachtet. Work-Life-Balance basiert auf Beruf, Einkommen, Besitz, Beziehung, Fitness und Karriere. Sie scheinen mir die tragenden Säulen der Mentalität einer erheblichen Anzahl meiner Zeitgenossen zu sein und bestimmen wesentlich, was gegenwärtig den Zeitgeist charakterisiert
Selbstverständlich nagt der Zeitgeist auch an mir. Was freut, was wurmt mich daran?
(Thesen zum Zeitgeist)
Der Zeitgeist dieser Jahre...
sieht die Würde des Menschen als Ware,
ist diffus und ein Übergang, doch keiner sagt, wohin,
verpönt das Mühselige, verführt zu Leichtfertigkeit und verspricht verantwortungslos,
erzeugt eine Atmosphäre, in der aus Gegnern Feinde Feinde werden,
macht anhand der Wortwahl verdächtig,
ist zunehmend spirituell, aber nicht religiös,
missachtet die Ethik und die Bedeutung des moralischem Verhaltens für die Unantastbarkeit der Würde,
sucht Vielfalt, unterschätzt den Sinn von Grenzen als deren Voraussetzung,
verachtet Dogmen, aber exprimiert sie als Meme,
fördert Zynismus, Ironie und Sarkasmus als Zeichen von Intellektualität,
fördert die Vereinsamung und digitalisiert die Begegnung,
lärmt und hüpft von Event zu Event.
...
Gemüt und Gemütlichkeit
Das deutsche Wort Gemütlichkeit bezeichnet heutzutage einen Zustand, der für Zimmerwärme, Kerzenlicht, leise Musik und liebevolle Zweisamkeit stehen will. Seltener geworden ist seine ebenfalls von Äußerlichkeiten bestimmte Verwendung für das Beisammensein in Restaurants oder bei Festen. Das ist vor allem der Lautstärke von Musik und Geschrei bei den gymnastischen Massenübungen zu verdanken, die der Zeitgeist für Events vorschreibt.
Doch alle diese Äußerlichkeiten können nicht als einzige Erklärung des überaus freundlichen Wortes "Gemütlichkeit" herhalten.
Seine Deutung als vom Gemüt gesetztes Gefühl von Wohlbefinden, ruhigem Gewissen, Heiterkeit, Demut und Frieden mit sich Selbst ist fast in Vergessenheit geraten. Bezeichnender Weise gibt es keine englische Übersetzung des Wortes, die seine Botschaft vollständig abdeckt. Offensichtlich ist die Gemütlichkeit eine besondere Fähigkeit der "deutschen Seele".
(wird fortgesetzt)
Ein Satz über die selbstbestimmte Beschränkung des persönlichen Konsums
Wenn die Menschen mit höherem Einkommen ihren persönlichen Konsum vorrangig bei Textilien, Schuhen, Schmuck und Möbel, also die Güter, welche massenhaft vor Ende ihres Gebrauchswertes weggeworfen werden und welche die allermeisten längst im Übermaß besitzen, um nur wenige Prozentpunkte senkten und wenn sie dies konsequent über die nächsten Jahre täten, läge ihr entsprechender Verbrauch an umweltschädigenden Gütern zwar immer noch weit über dem der Einkommensschwachen, würde aber den Kohlendioxydgehalt der Atmosphäre deutlich senken. (Mein Fazit aus: "Der Tag, an dem wir aufhören zu shoppen - Was wir gewinnen, wenn wir weniger konsumieren; JAMES B. MACKINNON)
"Die Konsumgesellschaft kann unmöglich wissen, wie man für eine Welt sorgt...Die Konsumeinstellung zerstört alles, was sie berührt." (HANNA AHREND)
Gedanken über Würde und Moral
Das Recht auf Würde ist in unserem Lande unantastbar und niemandem zu nehmen! Aber wie steht es um sie als ethischer Kategorie?
In mancher Nacht beobachte ich von meinem Fenster aus den Brunnenplatz von Frankfurt an der Oder. Mitunter sehe ich Obdachlose, die dort auf den Bänken schlafen, nicht nur in warmen Nächten; Flaschensammler laufen ihre Touren, leuchten in die Papierkörbe, stören die Schlafenden, zanken mit den Schicksalsgenossen, was mitunter an Revierkämpfe erinnert. Für manchen "offensichtlich nicht gut Weggekommenen" scheint der Comic-Brunnen die einzige Dusch- und Badegelegenheit zu sein, wo Körper und Kleidung zugleich gesäubert werden, was zu derben Kommentaren der davon Gestörten anregt. Einmal wurde ich in solches Scharmützel einbezogen. Ich hatte einen "Flachen Alfred", noch gut gefüllt, bei mir, was die Wogen glättete und zu einem Gespräch mit einem der Obdachlosen führte. Sein Fazit lautet: "Ob wir uns nun hier um uns selber kümmern oder zur Tafel oder zur Wohlfahrt gehen... in jedem Fall stehlen uns die da Oben die Würde!"
Zunächst fand ich dies weit übertrieben. Würde ist ein innerer Wert des Menschen. Sie kann ihm selbst vom Tode nicht genommen werden. Doch ist sein Fazit, gezogen aus täglichem, bitterem Erleben von Armut in einem reichen Land, nicht doch zutreffend? Welche "Für und Wider" wären ins Feld zu führen. An existenzieller Not kann es nicht liegen, unser Sozialsystem sorgt in der Regel dafür, dass die materiellen Grundbedürfnisse erfüllt werden. Viele Betroffene nehmen die Hilfe jedoch nicht oder nur teilweise an. Offensichtlich ist mehr im "Spiel"! Vielleicht geschieht es aus Angst, aus Scham, aus Trotz? Wenn ja, haben wir ein ethisches Problem, das den Zustand des moralischen Niveaus unserer Gesellschaft spiegelt. Dann geht es also primär nicht um Würde und Geld, sondern um Würde und Moral!
Um mich als Philosophen zu bezeichnen, habe ich zu viel in derer Werke gelesen. Mein Fable für die Ethik wird aus anderer Quelle gespeist. Für mich wird unsere Existenz auf diesem Planeten erst in zweiter Linie von den Grenzen des Wachstums und deren Folgen bedroht. Ich bin der Überzeugung, dass wir zunehmend an Moral verlieren und sich daraus alles Andere erklären lässt.
Ich habe das Vergnügen, seit etwa einem halben Jahrhundert eine Kohorte von einigen Hundert Menschen bewusst zu begleiten, mich mit ihnen auszutauschen und
diskursiv die moralische Qualität ihrer Motive zu erfahren. Darunter befinden sich die unterschiedlichsten Leute, sie sind aber nach Einkommen und Vermögen durchaus als Oberschicht, Mittelschicht und Unterschicht zu verorten. Einige wenige gehören zweifellos zur reicheren Oberschicht, drei Dutzend sind als in Armut Lebende und der große
Rest mehr oder weniger einer zu diesen Polen auseinanderdriftenden Mittelschicht zuzuordnen. Im Verfolg dieser Bewegung fielen mir bei den Reicheren immer öfter Verhalten auf, die durchaus den Geruch von moralischer Dekadenz ausströmen. Ich mache das vor allem an ihrer zunehmenden Gleichgültigkeit für die Belange der Res
Publika fest. Als wäre es ihr Sport, betreiben sie Steuertricks und -betrug. Ihre Interessenlosigkeit für Vergangenheit und Zukunft des Landes zeigt sich mir in der Abkehr von Kinderwunsch und Opferbereitschaft. Zunehmend präsentieren sie provozierenden Luxus. Bei den Ärmeren ist die moralische Erosion eher in der Motivationsstruktur zu
erkennen. Sie meiden und verunglimpfen die Lohnarbeit, streben zunehmend nach Alimentierung durch den Staat, delegieren die Verantwortung für ihr Leben an die Gesellschaft und beschädigen es durch gedankenlosen Raubbau an ihrer Gesundheit zusätzlich. Als Pendant zur Dekadenz der Reichen sehe ich darin hierin ein gewisses Siechtum der Ärmeren.
Siechtum und Dekadenz? Waren die davon befallenen Zivilisationen nicht auch immer dem Untergang geweiht?
Nun liebe ich Hochrechnerei und Trendberechnung überhaupt nicht. Da aber mein Probandenkreis der Stringenz der Entropie unterliegt, wonach Unordnung zunehmen muss, will ich einen Blick auf die Konsequenzen werfen und so tun, als ob meine Stichprobe die Grundgesamtheit "Volk" repräsentiert.
Wir wären gut beraten, es ernst zu nehmen, dass die Hauptrichtung des wiedererwachenden Panslawismus alla Danilewski, nach der die slawischen Völker,
zuvörderst die Russen, missionarisch dem verdorbenen Okzident wieder Moral beizubringen hätten, eine der wichtigsten Rechtfertigung des Ukraine Krieges und seiner Opfer sind. Wir dürfen weiterhin auch nicht übersehen, dass die vom Iran ausgehende Bedrohung unserer Zivilisation ebenfalls als Kampf gegen die Amoral des Westens firmiert. Wir können dies entrüstet zurückweisen, sollten aber nicht die Augen davor verschließen, dass sowohl unsere privaten als auch unsere politischen Abwägungen und Entscheidungen immer seltener im Lichte der Ethik vorgenommen werden.
Wie wirkt nun der Verlust an Moral auf die Unantastbarkeit der Würde? Ich kam beim Bedenken dieser Frage zu den "Alten". Platos Substanzlehre geht davon aus, dass Substanz das Sein eines Dinges ist, also das, was unabhängig existiert, dessen Eigenschaften trägt und sich gleich bleibt - Akzidenzien hingegen die nicht-wesentlichen
Eigenschaften eines Dinges. Aristoteles, Augustinus, Thomas von Aquino und Kant haben diese Gedanken aufgenommen und jeweils modifiziert. Descartes und Hobbes lehnten jedoch real existierende Akzidentien ab, so dass Spinoza nur noch eine einzige unendliche Substanz anerkannte, die von Attributen oder Modi bestimmt wäre.
Das sind meiner Ansicht nach jedoch nur enger gefasste Bestimmungen der Akzidenz. Selbst Heidegger versteckt in seinem Begriff "Ek-sistenz" viel von dem, was die Alten Akzidenz nannten. Sie ist nach seiner Begrifflichkeit dem menschlichen Wesen (für mich dessen Substanz) "angewest".
Deshalb scheue ich mich nicht, das "Totgesagte" zu beleben. Ich sehe die Substanz der menschlichen Würde im "Kant'schen Guten". Dieses Gute ist durch die Gottebenbildlichkeit des Menschen absolut. Akzidenz der Würde ist demnach alles das, was das Gute umgibt und sein Wirken ermöglicht. Es ist die Erscheinung des Guten im Handeln. Es ist Moral.
Kommen wir zur Ausgangsfrage zurück. Mir ist deutlich geworden, wie fest Würde und Moral verbunden sind. Sie stehen in einem dialektischen Verhältnis und können nur in diesem existieren. Der Obdachlose unter meinem Fenster hatte recht. Ob arm oder reich - mit der abnehmenden Evidenz des ethischen Impetus wird die Würde vakant und vermehren sich in unserem Volk die Anzeichen gefährlichen Siechtums und zersetzender Dekadenz.
Und meine Würde? Habe ich sie nicht selber angetastet, da ich den Mann mit Wodka abspeiste und auf dem hohen Ross Gedankenspiele der moralischen Tat vorzog?

Gedanken zum Kapitalismus
Man könne sich eher den Weltuntergang vorstellen als das Ende des Kapitalismus…! – lese ich bei Sloterdijk. Nun gut. Selbst seine Vorstellungskraft reicht offensichtlich nicht aus, sich die Existenz der Zivilisation ohne Kapitalismus denken zu können.
Szenarien des Weltunterganges hingegen wachsen aus dem Status Quo ungebremst hervor und sind nicht nur denkbar, sondern bevölkern in reicher Ausstattung die Medien.
So bleibt meinem schlichten Verstand nach vergeblichen Versuchen, eine Gesellschaft ohne profitgetriebene Wirtschaft und zockendes Finanzkapital zu entwerfen, kein anderer Schluss, als den Untergang als nächste Ausprägung des Weltgeistes zu befürchten.
Wenn der Kapitalismus jedoch außer Gott das einzig ewige Phänomen wäre, bliebe uns der Untergang erspart.
Darin besteht meine ganze Hoffnung!
In Anbetracht meines „allzumenschlichen“ Charakters und der Ahnung, dass mit Ausnahme sehr seltener, braver Citoyens und ehrlichgrünroter Kommunarden viele, viele Zeitgenossen eher mir ähneln, wird es der Kapitalismus jedoch sehr schwer haben, diese Hoffnung zu erfüllen.
Denn wahrscheinlich hat nur Gottes Ewigkeitsanspruch solide Fundamente. Als Alpha und Omega, als unbewegter Beweger, tief eingebettet im Transzendenten, metaphysisch eingemummelt, den heiligen Geist und seinen Sohn an der Front stationiert, muss er, obgleich mehrfach totgesagt, sein Ende nicht befürchten.
Der Kapitalismus jedoch besitzt diese komfortable Ausstattung nicht. Er hat einen Anfang, wird vom Materialismus bewegt, zeigt jedem (und täglich mehr) ein hässliches und böses Gesicht und hat in der Wahl seiner Adepten nicht immer ein glückliches Händchen.
Wie können wir ihn trotzdem für das ewige Leben erhalten und so den Untergang vermeiden?
Da wäre zunächst die Überlegung, ob uns noch weitere Euphemismen einfallen - also wie wir ihn begrifflich maskieren können, ihn weniger sichtbar, dann jedoch getarnt und mit gekreideter Stimme nur noch in den hinteren Zimmern agieren lassen. „Soziale Marktwirtschaft“ ist dafür ein schönes Beispiel. Jedoch nicht schön genug. Könnte man nicht wenigsten den Zusatz „Bollwerk gegen den Weltuntergang!“ anfügen.
Dies wäre auch deshalb hilfreich, da wir nun erfahren, dass eine kapitalgedeckte Rente das Dilemma steigender Rentenbeiträge auflösen könnte. Für Kohl, Merkel und Scholz nicht voraussehbar, nun aber vom Genie des Herrn Merz als Spiel zwischen Demographie und Mathematik bemerkt, sei es die Renaissance einer der verantwortungsvollsten Ausrufe deutscher Innenpolitik, nämlich die „Rente ist sicher!“
Der als „historisch“ titulierte Kern einer gelungenen Rentenreform bestünde nun darin, dass durch zusätzlich eingesammeltes Geld der Arbeitnehmer und Arbeitgeber (nur 2 Prozent; bösartig, es als Erhöhung der Beiträge anzusehen!), dieser Ausruf endlich wahrgemacht würde. Als Kapital soll das Geld bzw. dessen Zustrom in die Finanzwirtschaft spätesten im Jahre 2090 sogar höhere Renten als gegenwärtig ermöglichen.
Donnerwetter! Ungeachtet meiner Bewunderung dafür, dass sich unsere Eliten endlich einmal in Weitsicht üben, habe ich doch eine banale Frage: Sie bezieht sich auf das kantsche Apriori der Geschichte: Ist Erkenntnis ohne Erfahrung sicher? Für die Prognose kommender Zeitläufte bis zum Ende des Jahrhunderts mag das die Statistik vortäuschen (wiederum Mathe und Demokratie). Dennoch bleibt Erkenntnis ohne Erfahrung spekulativ. Da an der Börse spekuliert wird und die Ewigkeit des Kapitalismus leider auch eine Spekulation ist, handelt es sich hier um mehrfache Spekulation. Folglich werden die Einzahler und die Einnehmer objektiv zu Spekulanten. Keine gute Voraussetzung, um beruhigt und guten Gewissens dem System das Geld zu geben und somit den Zockern an der Börse. Oder? Die Trendakrobaten und Mittelwertvergleicher mögen mir verzeihen!
Als ob der Zeitgeist meine Worte bestätigen will, melden eben die Medien, dass Investments der Krankenkasse riesige Verluste zugefügt haben. Wann wachen die Börsenanbeter auf? Wann werfen die Zocker das Handtuch? Hoffentlich noch, bevor sie mit der Rentenabsicherung durch Investments angefangen haben!

