
Leseproben aus "Cooles Geschwätze"
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Kuhl führte sich mehrmals in provozierender Weise auf. Bevor er endgültig, im Wortsinn mysteriös, verschwand, verließ er monatelang nicht das Grundstück, sondern saß hinter dem großen Fenster der Villa, in der er wohnte, bleich und zumeist bewegungslos. Schließlich hieß es, er wäre gestorben. Jedoch Leichenwagen, Bestattung, Nachrufe, Kriminalpolizei, Suchmeldungen? - Nichts von alledem!
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Der Hausarzt, ein gewisser Dr. Minderhammer, druckste ebenfalls. Seine huschenden Augen unter dichten Brauen offenbarten ein Ringen zwischen Mitleidspflicht und Entdeckerfreude.
„Es sieht so aus als könnte es ein Blastom sein, also Hirntumor, verstehen sie?“
Als wäre er der Betroffene, schwieg der Arzt berührt und mahnte nach einem Räuspern, dies und das noch zu tun, vieles aber zu vermeiden. Kuhl hörte ihn an, unterbrach nicht, sondern lächelte. Die Frage, ob er so, nach Befolgung der Ratschläge, eines glücklichen Todes stürbe, hatte der Arzt nicht erwartet.
„Also?“ - drängte Kuhl und sah Minderhammer während der etwas verhaspelten Antwort eindringlich an. Unerwartet erhob er sich schließlich mitten in einem der das Ende nicht findenden Sätze und verließ in auffallend veränderter Körperhaltung, steifer und krummer zugleich, die Praxis.
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Auch die nächsten Tage fuhr Kuhl fort, sein Schrifttum zu verbrennen. Der Kamin loderte und erhellte anstößig die Winternächte über dem Giebel der Schwarz-Villa. Er rauchte und qualmte und die Nachbarn beschwerten sich, da schwarze Flocken und halbverbrannte Schnipsel auf die Gärten niederfielen. Ein enger Anwohner brachte so einen Schnipsel, schien dabei bedeutend neugieriger als erbost zu sein. Er glättete den angekohlten Fetzen und las laut vor „…Meme sind infektiöse Sätze mit hoher Virulenz...!“
Schwarz reckte sich und wiegte bedächtig mehrmals den Kopf:
„Herr Professor Kuhl ist etwas derangiert, wie wir Wissenschaftler so sind!“ - säuselte er.
„Bleiben sie cool!“ – antwortete der Nachbar im Gehen – „Will ja nur nachfragen, warum die Gelehrten mit ihren Werken die ohnehin viel zu warme Erde heizen und sich dabei anbrüllen, dass es bis zur Oder schallt?
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Trotzig kochte er selber eine Suppe aus überlagerten Vorräten. Es hätte sehr unangenehm gerochen, denn der Kranke nahm dazu nicht Milch und Zucker, sondern welke Zwiebeln, Knoblauch und Wurzeln von verwildertem Meerrettich, den er Wochen vorher von den gefrorenen Oderwiesen geholt hatte. Er dünstete dies in reichlich Butter, tat dann Gries hinein, rührte minutenlang, goss ein Viertel Brühe nach, ließ dies etwa zehn Minuten kochen und ergänzte das Gericht mit einem beachtlichen Schuss Wein sowie gehackten Wiesenkräutern, die wie spätes Gras aussahen und die er, nur mit dem Morgenmantel bekleidet, vom Wiesenrand auf der anderen Straßenseite aus dem nassen Schnee gepuhlt hat.
„Dies“ – krächzte er heiser – „ist ein Geschmolzenes Grießsüppchen! Wer es isst, kann nicht mehr sterben!“
Schwarz hat fassungslos zugesehen. Das Angebot, mitzuessen, lehnte er ab.
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Inmitten der Häuser und Villen der Kantstraße, welche anzeigten, dass es bestimmten Frankfurtern besonders gut ging und wieder geht und wo bürgerliche Gediegenheit daran erinnerte, was Heringshändler, Militärs und Beamte erreichen können, nahm sich das Hospiz eher bescheiden aus.
Kuhl trat ohne Zögern ein, verharrte aber in dem erdrückend stillen und verlassen wirkenden Flur.
„Was kann ich für sie tun?“ - trat eine vollschlanke Frau wie aus einer Kulisse hervor und musterte ihn. Kuhl erschrak, als wäre er ertappt. Es schien ihm Mühe zu bereiten, sein Begehr vorzutragen. Er formulierte umständlich, dass er ein Leben lang als Gärtner und Hausmeister gearbeitet habe und nun aus einer späten Einsicht heraus hier ehrenamtlich tätig sein wolle.
Die Frau suchte seine Hände.
„Sonderbar!“ – gab sie leise von sich und blickte ihn in einer Weise an, mit der Menschen begabt sind, welchen selbst im Lächeln die Enttäuschung durchscheint.
„Gehen sie doch bitte wieder!“ - sagte sie und wendete sich von ihm ab.
Kuhl gab hastig zu, gelogen zu haben. In Wirklichkeit sei er Journalist einer großen Zeitung und wolle denen hier, im letzten Haus sozusagen, eine Stimme in der Öffentlichkeit geben, quasi eine Reportage über letzte Weltsicht und Fazit.
„So, eine Reportage“ - “ wiederholte die Frau und winkte ihm, ihr durch den Flur zu folgen.
Sie liefen auf ein unwirklich hell erscheinendes Fenster zu, einer Glasmalerei der Kreuzigung Jesu. Im Vorbeigehen knickste die Oberin, kaum merklich. Kuhl senkte den Blick. Ein anderer Gang winkelt ab. Sie öffnet eine Tür. Auf dem einzigen Bett lag eine Greisin. Blumen unter dem offenen Fenster zitterten mit dem Windzug weißer, leicht gebauschter Gardinen. Das Zimmer glänzte, als leuchtete es. Die Kranke bewegte sich nicht. Nur den Mund weitete sie in lauten, pfeifenden Atemzügen und schloss ihn jedes Mal nur halb. Die Nase, bleich und wie aus Wachs, trat hervor, als könnte die Frau deren Länge beliebig verlängern und verkürzen.
„Sie wird heute noch sterben“ – hörte Kuhl und erbleichte – „also beeilen sie sich mit Weltsicht und Fazit. Fragen sie sie doch, was diese da wohl von der Politik der Großen Koalition hält und wie sie die Ereignisse auf Lesbos einschätzt. Was wissen eigentlich solche wie sie vom Sterben?“
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Dann kam es zu einem Vorkommnis, welches Schwarz zunächst empörte, schließlich jedoch auch zu den Taten zählte, die Kuhl tuen musste, weil er Kuhl war.
In Frankfurt an der Oder verursachte es einiges Geräusch, deswegen konnte man darüber vieles erfahren, insbesondere Analysen solcher Leute, die es im Psychologisieren, dem herrschenden Trend intellektuellen Lebens der Zeit angemessen, weit gebracht hatten. Also mit Wissen um Kuhls Leidensweg reflektiert, hat sich wahrscheinlich folgendes ex- und intrinsisch abgespielt.
Ein Lehrstuhl, in Sonderheit sein Besetzer, hatte sich der Autonomie des Ordinarius (mehr als man in diesen Zeiten erlauben durfte) besonnen und es gewagt, ein bisschen abseitig zu denken, in Richtung einer Verallgemeinerung der Quantentheorie auf aktuelle Ereignisse. Er benutzte esoterische Geräte und Begriffe, um in Zeit und Raum verschiedene Geschehen und Orte als unabhängig identisch nachweisbar zu postulieren. Solche akademischen Rebellionen waren an der Viadrina gefahrloser anzuzetteln als an anderen Brandenburger Universitäten, da der Oderstrom für Gralshüter sehr weit östlich lag und eine gewisse geistige Bescheidenheit der Einrichtung ihre eigene Widerstandskraft in Grenzen hielt.
Dieser Professor, eigentlich forschte er zu lukrativeren Themen an lukrativeren Orten, nahm relativ selten und dann mehr als Geck und Erholung, seinen skurrilen Lehrauftrag wahr. War er dennoch anwesend, gab er ein auffallend typisches Exemplar eines vom Leben belehrten Achtundsechzigers. Sein langer Kaschmir-Mantel, der elegante italienische Schlapphut und der sorgfältig gebundene Man-Bun hätte normalerweise allein wegen der Qualitätsunterschiede zu Kuhls Gespenstermantel, dessen zerknitterten Kalabreser und dem ausgefranzten Dutt die Auftritts Ähnlichkeit und auch die Homologie ihres Geweses unverwechselbar verschleiert. Doch Kuhl hatte ja sein Exterieur neuerdings und mit Aufwand gepflegt und geglättet. So konnte es geschehen, dass er auf dem Weg zur Universitäts-Bibliothek, die er mindestens einmal die Woche streng besuchte, ein mehr unbedarfter Student ehrfurchtsvoll zur Seite trat und ihn devot als Herr Professor anredete. „Sie wollten doch in Weißrussland sein? – soll der Junge fröhlich hinzugesetzt haben – „Cool, dass sie doch die Vorlesung halten!“
In Kuhl spielte sich Gewaltiges ab. Man nennt ihn Herr Professor! Nennt ihn so, wonach er, mehr oder weniger eingestanden, mit allen seinen fruchtlosen Projekten gejagt hatte. Gibt ihm den Titel, der ihm von der missgünstigen Umwelt verweigert wurde und deren Vertreter er aus Wut über sein eigenes Versagen missionsartig verfolgt hatte. Dies alles musste ihn in diesem Augenblick mit einer Gemütsflut erfüllt haben, deren Überlauf unvermeidlich war. Noch einmal echote es: Professor. Vom Unbewussten bestärkt, wird er sich gefühlt haben wie in einem seiner überdeutlichen Traum Geschehen. Man sah jedenfalls, wie er, als würde er gezogen, hinter dem Studenten herlief, ging und schritt. Der öffnete die Hörsaal-Tür, hielt sie ihm freundlich auf. Dann verschwand er im schnell abflauenden Pausenlärm und klopfte für den unerwartet doch erschienenen Professor besonders laut im anschwellenden, akademischen Beifall. Dann sei es still geworden. Vor Kuhl ragte der besetzte, von hunderten Augenpaaren übersäte Berg, ihn apodiktisch fordernd, auf. Man hörte ihn druckreife Sätze dozieren. Über die Gene der Kulturevolution. Dies soll er immer parat gehabt haben und erst nach beinahe einer viertel Stunde hätte sich ein zunächst zweifelndes, dann jedoch fragendes Geraune erhoben. Eine Abspaltung der Minderheit des Auditoriums von den ewig Duldsamen deutete sich an. Eine aufgeregt helle Stimme hätte gerufen: „Herr Professor, hatten sie nicht angesagt über Nachweise quantenphysikalischer Phänomene in der Selbstheilung zu lesen?“
Nun rief es von allen Seiten. Man schrie: „Weitermachen, ist interessant!“ und „Ich erkenne nicht den Zusammenhang!“ und:“ Sie wollte doch heute gar nicht…!“
Das Stimmengewirr verstärkte sich. Kuhl hätte reagiert, indem er verstummte! Wie abwesend soll er dagestanden haben, sich am Pult haltend, man glaubte, dass er wanke. Einer der lautesten Studentinnen verließ den Hörsaal. Die vielstimmige Wiederholung des „Herr Professor, Herr Professor!“ und die Unmöglichkeit der willentlichen Beeinflussung des Geschehens ließen Kuhl wohl erst in diesem Augenblick erkennen, dass dies kein Traum, keine Luzidität war! „Er ist es gar nicht!“ – wäre plötzlich gerufen worden und dann, vielstimmig wiederholt. „Er ist es gar nicht, he, Alter, guckst du, der ist doch noch älter als der Alte!“
Es habe Kuhl aus dem Saal getrieben. Er sei durch die Treppenhäuser gerannt, zu geschlossenen Türen im Parterre gekommen, hätte wieder zurückgemusst und endlich den Ausgang gefunden. Der Pförtner, an seiner Seite jene Studentin, die aus dem Saal gerannt war, liefen auf ihn zu. Man konnte deutlich hören, wie „Halt“ geschrien und Kuhl der Ausgang versperrt wurde. Er ließ es geschehen. Ließ geschehen, dass der Verwaltungsleiter und wenig später die Polizei hinzukamen und seine Personalien aufgenommen wurden. Mittlerweile hätte sich das Vestibül gefüllt, die betrogenen Studenten wären nachgerückt und hätten ihn beklatscht, verspottet und zum Professor gratuliert. Als man Kuhl gehen ließ, bildeten sie eine Gasse, in der Spießruten fehlten, dafür aber blitzten umso heller die Handys.
Kuhl sei wie in der Trance über den Fußgängerweg gegangen, unbeeindruckt vom Quietschen der bremsenden Autos und in den Oderturm-Passagen verschwunden. Vielspäter habe man alles dem vielbeschäftigten Professor berichtet und ihm die Fotos gezeigt. Dabei hätte man ihn auch ermahnt, doch öfter am Lehrstuhl zu sein. Nur wenige Sekunden soll der gebraucht haben, um in lautes, anhaltendes Gelächter auszubrechen! Er verzichtete auf eine Anzeige, was Kuhl jedoch nicht helfen sollte.
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Kuhl, den sie bisher nur auf einem Foto in der Krankenakte des Gerontologen Minderhammer gesehen hatte, lehnte aufrechten Oberkörpers am hochgestellten Kopfende des Bettes. Er war nicht zugedeckt und steckte in einem grell streifig gemusterten Bademantel aus dem letzten Jahrtausend.
Dora wusste sofort, wie hier zu beginnen sei. Wieder aufgerüstet, von der mysteriösen, ahnungsschwangeren, verschleierten, märchenhaft Anlage am eisfreien, glitzernden See deutlich beeindruckt, kicherte mädchengleich: „Oh, wie schick!“
Erwartungsvoll still schaute sie dann mit einem breiten, offenen Lächeln, ungeniert den Mann an.
Kuhls rosiges Gesicht, umrahmt von nunmehr reinweißen Haaren, die er nicht wie sonst zum Zopf gebunden hatte, sondern offen trug, überzog ein genießendes Lächeln. Sein ebenso weißer Bart, lang, leicht gewellt, an der Spitze mit einem Gummi zusammengehalten, begann zu hüpfen.
„Welche Schönheit!“ – rief er und es schien, als leuchteten die eigentlich milchigen, mattblauen Augen kurzzeitig auf – „Sind sie ein Engel, bin ich gestorben?“
Dora ging auf das Bett zu, guckte Kuhl direkt ins Gesicht und sagte neckisch: „Im Gegenteil, sie leben! Ich bin ein Weihnachtsengel und sie, sie sind der Weihnachtsmann!“
Beide lachten gleichzeitig. Es schien Nähe zu entstehen, rasch und sonderbar. Die knapp fünfzig Lebensjahre, die zwischen ihnen standen, puschten eher, als sie retardierten. Ein Anfang, wie Dora meinte, der ihren Absichten nicht günstiger sein könnte. Anfang gut, alles gut, der Zauber im Beginnen – dachte sie. Eingeweiht, sich im Besitz der Regie wähnend, entfaltete sie im Plauderton ihre Taktik. Sie wäre von einem gewissen Theomir Morgenstern, der wohl ein einstiger Schüler gewesen, neugierig gemacht worden. Sie sei Psychologin und sucht für ihre Forschung Menschen, die bis ins hohe Alter auf dem „Kien“ sind. Sie wäre beeindruckt, wie gesund, aktiv und humorig er ist. Und so weiter und so weiter.
„Ach, Kind!“ – seufzte Kuhl, von diesen Worten sichtlich geschmeichelt - „Ach Kind - glauben sie mir, was da noch ein wenig Farbe, ein wenig Form zu haben scheint, ist in der Tiefe mürbe und wurmstichig!“
Kuhls Miene wurde unvermittelt ernst. Er fragte barscher als er es meinte:
„Was wollen sie wirklich von mir?“
Man sah, dass er sich über die Frage ärgerte.
„Verzeihen Sie bitte!“ - sagte er deutlich netter – „Ich bin ein Trottel! Was hätte ich schon von der Wahrheit? Nichts! Selbst, wenn sie ein Trugbild sind. Es ist ja schön. Schönes zu bezweifeln, wie dumm wäre das! Wo eine schöne Frau ist, da lebt das Schöne. Und das Ästhetische ist immer Sieger über das Moralische!“
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„Gut“ - sagte Frau Dr. Baranowska, zeigte ihm einen Vogel, griff nach ihrer Tasche und wandte sich zum Gehen. Sandsteiner rief apodiktisch: „Wenn du jetzt gehst, wird das der verhängnisvollste Entschluss deines Lebens sein! Kuhls Geschwulst ist wie gesagt „gutartig“. Ein mächtiges Ding. Seine Masse entspricht etwa einem Zwanzigstel des zerebralen Raumes.“
„So etwas gibt es nicht!“ – sagte die Wissenschaftlerin. „Sag ich doch!“ – stimmte Sandsteiner zu. – „Es ist nämlich gar keine Geschwulst im klassischen Sinn, was der Kuhl im Haupte trägt und ihn zu dem geriebenen Sonderling macht, der er ist. Es handelt sich um ein Theratom!“
Nun war Frau Baranowska doch überfordert. „Ein Theratom? Was ist das?“
„Es ist ein zweites Gehirn inmitten des Ersten! - Es ist das Gehirn seines im Mutterleib vereinnahmten Zwillingsbruders!“ Baranowska erbleichte. Sie fiel in einen der Sessel und begann, vom grinsenden Sandsteiner betrachtet, auf ihrem Handy hektisch zu tippen. Dann las sie. Zunehmend erregt, heftig atmend. Dann flüsterte sie mit belegter Stimme: „Theratome gibt es tatsächlich. Aber nicht diesen Horror...“ - setzte sie, sich mit Zweifel schirmend, grob hinzu – „hier werden nur Einschlüsse im Hirn Erwachsener von Knochengeweben des pränatal in frühen Stadien der Ontogenese verstorbener Zwillingsgeschwister aufgeführt. Nichts von zweitem Gehirn im Ersten. Deine Fantasie ist mit dir durchgegangen!“
„Komm!“ - hauchte Sandsteiner – „Komm! Ich zeige dir Aufnahmen, Potentialdiagramme und Gewebe. Sein Theratom besteht aus vitalen Neuronen. Es gibt keinen Zweifel! Ich sage dir jetzt ein großes Wort: Dieses Theratom ist nicht chaotisches fremdes Gewebe, dessen Zellzyklen die Information des Muttergewebes identisch reproduzieren und Proteine synthetisieren! Es hat wohl Jahrzehnte stillgehalten. Es handelt sich um eine Art von langandauernder Vita reducta, geringstes Leben, was bisher für den ganzen Menschen, aber nie für Gewebe beschrieben wurde und sich vor etwa einem Jahr, wahrscheinlich ausgelöst von einem seelischen Trauma, reanimierte.“
„Ist es denn zweifelsfrei ein anderes Genom. Also sind DNA-Analysen gemacht worden“?
„Du stehst ja gut im Stoff! Selbstverständlich. Aber dieser Beweis konnte nicht erbracht werden. Es handelt sich leider um eineiige Zwillinge.“
Die Zeit, welche Baranowska brauchte, um die ganze Tragweite der Missbildungen des armen Klaus Dieter Kuhl zu begreifen, war gemessen. Nun schwieg sie deutlich beeindruckt. Sandsteiner nicht. Er wusste, dass sie am Schwachpunkt seiner Theorie rüttelte, den er bewusst und stur ignorierte. Unterschiedliche Gewebe haben nämlich unterschiedliche Mutationsraten, die aber im vorliegenden Gentest nicht gefunden worden waren. Störrisch überspielte er auch jetzt diesen brisanten Zweifel: „Kuhl wird aktuell von zwei Hirnen gesteuert! Das beweist seine pathogene Schizophrenie. In seinem Gemüt toben Einheit und Kampf der Gegensätze im Widerstreit der Emotionen und quälen ihn. Doch dieser Befund soll uns nicht kümmern. Ich habe den Interaktions-Topos der beiden Gehirne lokalisiert. Er bezeichnet, so lautet meine Hypothese, ihre physische Schnittstelle. Wenn wir das Theratom entfernen!“ –der Professor zelebrierte gekonnt die rhetorische Pause – „dann passt vielleicht Künstliche Intelligenz an seiner statt in die Lücke! Ich möchte genau an dieser Stelle entsprechende Sensoren implantieren und werde erleben, dass beide Intelligenzen unmittelbar interagieren. Dann verrät der Bildschirm das Bewusstgewordene und das Gedachte!“
Das Szenario, welches Sandsteiner entwickelte, fesselte, verblüffte und verwirrte die Baranowska völlig. Hätte man der gestandenen Chirurgin noch vor einer Stunde prophezeit, dass sie solchen Sätzen zuhören und sie stimmig finden würde, hätte sie nur verächtlich gelacht. Nun aber war sie ganz Ohr. Einerseits drehte sich ihr moralischer Kompass wie ein magnetischer über einem Eisenerzbergwerk. Andererseits packte sie der Furor kompromissloser Wissenschaftlichkeit...

Leseproben aus "Als ahntest du bereits, wie spät es ist...
Die Liebe aber zieret sich
Die Stunde flieget durch die Zeit!
Läuft rundherum und erdenweit
Und ist zu allerhand bereit!
Die Liebe aber zieret sich!
Sie braucht ein „Du“; sie braucht ein „Ich“!
Und bummelt manchmal fürchterlich
Freundliches Haus.
Da bin ich gerne, wo des Hauses Lächeln
den Gästen Räume öffnet,
sich zu befreunden.
In der Abendkühle wärmt der Wald noch lange den Pfad
und dem Mutlosen helfen die Sterne.
So auch das freundliche Haus.
Seine Wärme geht mit mir.
Sein Lächeln ist ein neuer Tag
Mein Traum
Mir träumt: in Silbereis gegossen liegt der See!
Der Mond darüber, wiegemessergleich.
Ein Schwan friert fest in meiner Näh´!
Ich sah noch nie ein Weiß so bleich.
Ich bin beim Schwan. Bin hingeglitten!
Er singt nicht mehr!
Das Eis um seinen Leib ist dünn.
Der Mond hat längst den See zerschnitten.
Nur Wasser quillt noch, wo ich nicht mehr bin.
Das Alter ist der späte Abend deines Lebens.
Die Augen müd, wie du des Strebens,
sind feuerfrei und leuchten nicht.
Nur manchmal brennen sie im Abendlicht,
wenn unerreichte Gipfel alter Träume glühen,
als wollten sie, da du entsagst, dich ziehen.
Jedoch, geträumt hast du nun lang genug.
Du weißt es doch, ein Traum ist Trug,
der quälend dir im alten Leibe zittert
und halbe Tage dich verbittert.
Sei besser nicht um ihn bedacht.
Gedenke deiner letzten Nacht.
Ein Schlaf, so sorglos wie als Kind,
er kommt, er weiß, wann er dich find.
