Ereignisse in Gedanken erfasst
21.07. Die Affäre Spahn und Frau Gersdorf
Ob eine Leihmutter aus kommerziellen oder altruistischen Gründen bereit ist, ihren Körper zum Objekt zu machen, könne sie nach Frauke Brosius Gersdorf in Freiheit und Selbstbestimmung entscheiden. Ist dies Ignoranz im Stile einer Marie-Antoinette, ist es Spott oder Unfähigkeit, die Brisanz der sozialen Ungleichheit in Deutschland zu erkennen? Ich vermute, nichts von dem. Vielmehr begegnet uns erneut der Versuch, den Grad an Unantastbarkeit der Würde eines Menschen von seiner Einkommenssituation zu verschleiern. Warum nutzt Frau Gersdorf nicht ihre respektable Stellung, um sich eine Übersicht anfertigen zu lassen, auf der die Anzahl altruistisch oder kommerziell begründeter Leihmutterschaften in Abhängigkeit von der jeweiligen finanziellen Situation der betroffenen Mütter angezeigt wird? Ich vermute nicht, weil ihr solches fremd wäre, sondern deshalb, weil sie vielleicht befürchtet, dass das Ergebnis ganz und gar nicht zu ihrer Behauptung passen könnte. Der Zeitgeist behandelt die Würde des Menschen als Ware. Jeder, der mit ihr handelt, ob als Käufer oder Verkäufer, missachtet und tastet sie somit nicht nur an, sondern macht ihren Wert zum Preis und damit vulnerable!
24.07. KI greift an und pfeift aufs Ethische
Jetzt ist es passiert! Ziemlich unterbelichtet von den Medien, geschah heute etwas, das schon seit Jahrzehnten in utopischen Filmen als Worstcase umhergeisterte. Eine KI greift ohne Befehl in ein anderes System ein und beeinflusst es. Dass sich die künstliche Intelligenz von der menschlichen befreit, bedeutet , dass sie sich von der Ethik befreit. Am Menschen vorbei, verfolgt sie eigene Interessen. Diese werden keinesfalls moralische sein. So kommt zu der ohnehin herrschenden Götterdämmerung ethischer Regulative, die wir nicht verhindern wollen, die ethische Stumpfheit der KI, die wir nicht nicht verhindern können. Notiert das heutige Datum in den Analen. Es bezeichnet den Beginn der einzig echten Zeitenwende nach jener, welche am 12.Oktober 1492 anfing.
25.7. Rienzi in Bayreuth
Bayreuth! Rienzi! Lange Zeit war die Oper ein No-Go. Nun traut man sich wieder! Was ist geschehen, gibt es Wandlung in der Beurteilung ihres kompositorischen Wertes, sieht der Zeitgeist den gelegentlich als "ungeschlacht" bezeichneten Text und die "grob drahtig" genannte Musik des jungen Wagner nunmehr gnädiger? Oder ist es dringend notwendig, den Zweiflern am Bestand künstlerischer Freiheit in unserer Demokratie den Wind aus den Segeln zu nehmen? Oder hat die AfD in unserem Land bereits ein Klima geschaffen, in dem es keine Hemmung mehr gibt, die Lieblingsoper Hitlers auf dem "Grünen Hügel" zu inszenieren?
Ich weiß es nicht. Doch was ich weiß und kenne ist der Rienzi - ein Werk, das die Dekadenz des Adels und das moralische Siechtum jenes Teils des Volkes geißelt, den Hannah Arend Mob nannte. Deshalb begrüße ich den Mut der Bayreuther aus vollem Herzen. Ich gehöre nicht zu den Eliten unserer Republik und habe keine Chance, die Aufführung zu erleben. Ich hoffe, dass sich dem Mut des Ensembles die Fähigkeit zugesellt, Wagners revolutionären Impetus zu würdigen und dass es gelingen möge, einen breit geführten Diskurs über die Bedeutung ethischer Position auszulösen. In einer Zeit, in der ein Geldadel sich zunehmend feudaler Attitüden bedient und ein anwachsender Teil des Volkes sich in Lethargie zurückzieht, wird die Würde des Menschen von Unmoral bedroht. Das Land ist in Götterdämmerung gehüllt! Wagners Werk ruft auf, der Erde das Gold zurückzugeben.
27.7. Hitzewelle Nummer drei in 2026
Wie vielen Menschen wird durch die Überhitzung der Städte von ihrer Lebenszeit genommen? Es kursieren erschreckende Zahlen! Das politische und wissenschaftliche Interesse für die Hitzetoten bleibt so weit zurück, dass nicht einmal belastbare Angaben über die Anzahl der zumeist qualvoll Verstorbenen vorliegen! Gegenüber der ansonsten zu beobachtenden medialen Neigung, überbordende Betroffenheit zu inszenieren, bleibt hier ihr diesbezügliches Interesse zurück. Was ist zu tun? Keinesfalls ein weiteres laborieren politischer Parteien, Medien, Expertenkommissionen und Denkfabriken mit dem Ziel, die prägnanteste Zustandsbeschreibung zu kreieren. Ich komme aus einer Zeit; in der man es wagte, zu gemeinnützigen Aktionen aufzurufen. Insbesondere die Jugend war dafür zu begeistern (und reifte dabei an Kraft, Weltsicht und Moral.) Heute wird dies alles verlacht, als historisch disqualifiziert und entsprechend verunglimpft. Ich bin der Überzeugung, dass ein Ruck durch unser Land gehen muss, eine „Große Initiative“, wie der russische Subotnik, wie der Autobahnbau im Deutschen Reich, wie das nationale Aufbauwerk der DDR. Und da scheint mir ein im größtmöglichen Konsens aller gesellschaftlichen Kräfte vorzubereitender Aufruf zum sofortigen Umbau unserer Städte im Sinne eines konsequenten Hitzeschutzes „Not“-wendig (im eigentlichen Sinne des Wortes) zu sein. Es wäre die effektivste Antwort auf das ergebnislose Faseln und Zanken verhängnisvoll spezialisierter Wissenschaft, wer oder was nun woran und wieviel an der Erderwärmung beteiligt sei. Die Erderwärmung ist ein mörderisches Faktum, die meisten Städte sind ihr konzeptionslos ausgeliefert. Hier hilft nur die Tat. Asphaltierte und betonierte Flächen entsiegeln und bepflanzen, gesunde Bäume beschützen, Hausfassaden und Dächer begrünen, urbane Landwirtschaft betreiben, Straßenzüge in der Haupt Windrichtung freiräumen, Verbot von Verbrenner Autos in den Innenstädten durchsetzen, den Baumbestand der Parks verdichten, Wasserrinnen und Springbrunnen restaurieren und bauen – nicht irgendwann, sondern jetzt! Selbstverständlich müssen solche Aktionen von Fachleuten vorbereitet und angeleitet werden. Das Geld dafür wäre sofort zur Verfügung, wenn wir uns von dem Größenwahn befreiten, wieder einmal die „größte Armee Europas“ besitzen zu wollen. Größte Armeen brauchen nur solche Länder, die angreifen. Für die Anzahl an Soldaten zur Verteidigung reichen in der Regel ein Drittel der Kräfte des Aggressors!
Ein Satz über die Ethik
Ich verstehe unter einem moralischem Verhalten die Befragung des Gewissens nach dem Guten in der Tat vor und während des Tuns . Kein "Cooles Geschwätze" der Politik, keine Demagogie der Konfessionen und keine Verführung zu Leichtfertigkeit und Unvernunft, wie vom Zeitgeist betrieben, wird auf Dauer die Evidenz der Sittlichkeit übertönen können.

Ein Gedanke über die Würde
Wie alles hat auch die Würde eines Menschen Substanz und Akzidenz; ihr Substanzielles ist das kantsche Gute und Schöne als Solches; ihr Akzidentielles das angenommene rechtliche, soziale und moralische Niveau der Gesellschaft, in der er lebt.
Oliver Hartman